Systemische Theorie der Medizin und Störfelddiagnostik

von Erich Wühr

Dieser Artikel basiert auf Kapitel 2 des Buches „Wühr E et al. Kraniofaziale Orthopädie – Ein interdisziplinäres Konzept zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kraniomandibulären Systems. Bad Kötzting 2008“.


Der Mensch ist ein hochkomplex vernetztes biologisches System: Er besteht aus vielen Teilsystemen, die miteinander verbunden sind und in Wechselwirkungen treten. Als Ganzes ist das System eingebunden in das komplexe Netzwerk bei- und übergeordneter Systeme seiner sozialen und ökologischen Umwelt. Die Systemische Theorie der Medizin beschreibt diese Zusammenhänge im Kontext von Ätiologie und Pathogenese, Befunderhebung, Diagnostik und Therapie bzw. Krankheit und Gesundheit. Dieser Artikel führt in die Systemische Theorie der Medizin ein und klärt die grundlegende Rolle, die die Störfelddiagnostik mit dem SkaSys-Testsystem in der praktischen Umsetzung spielt.

Theorie dynamischer Systeme

Die systemische Theorie der Medizin entsteht durch die Anwendung der Theorie dynamischer Systeme auf die Medizin. Die Theorie dynamischer Systeme ist eine Synopsis aus modernen Disziplinen der Naturwissenschaften: (Bio-)Kybernetik, Chaostheorie, Synergetik, nicht-lineare Thermodynamik, (Bio-)Semiotik usw. Sie dient der Beschreibung der Systemwirklichkeit der Welt und ermöglicht den Umgang mit komplexen mikro- und makrokosmischen Systemen.

Systemwirklichkeit

Der Mensch ist ein offenes, hochkomplexes, sich selbst organisierendes und regulierendes biologisches System. Systemwissenschaftler schätzen die Komplexität des biologischen Systems „Mensch" auf 1015 Freiheitsgrade.

Akute Erkrankungen

Mit linearen, reduktionistischen Denkmodellen und technomorphen Herangehensweisen nach dem Kausalitätsprinzip ist eine solche Komplexität unmöglich beherrschbar. Nur in zeitlich und lokal begrenzten Systemzuständen können lineare Beziehungen von Ursache und Wirkung identifiziert und entsprechend behandelt werden. Bei akuten Erkrankungen ist dies der Fall. Meist kann die akute Erkrankung sogar auf nur eine Ursache und nur eine Wirkung reduziert werden. Dann stellen lokal begrenzte, die Ursache eliminierende und technomorphe Maßnahmen Form und Funktion des betroffenen Systems weitgehend wieder her. Das liegt daran, dass auch bei offenen, nicht-linearen Systemen über einen kurzen Zeitraum und lokal begrenzt die Rahmenbedingungen annähernd konstant bleiben und sich die Systeme nahezu linear verhalten.

Chronische Erkrankungen

Chronische Systemzustände bzw. Erkrankungen dagegen entwickeln sich über längere Zeit und betreffen immer mehrere Teilsysteme. Im Laufe der Zeit sammeln sich bei chronischen Zuständen viele verschiedene Belastungen an. Außerdem sind sie stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen im Umfeld des betroffenen Systems abhängig. Chronische Zustände können mit linearen Denkmodellen und Herangehensweisen nicht beherrscht werden. Sie entwickeln sich unvorhersehbar und können nicht beliebig kontrolliert werden. 

Wechselwirkungen - Theorie dynamischer Systeme

Diese Eigenschaften chronischer Zustände sind darauf zurückzuführen, dass die verschiedenen Variablen und Teilsysteme des biologischen Systems „Mensch" miteinander in Wechselwirkungen treten. Außerdem bestehen Wechselwirkungen des Gesamtsystems mit beigeordneten und übergeordneten äußeren Systemen. Das biologische System „Mensch" ist nach außen offen. Viel erfolgversprechender als lineare, kausale und reduktionistische Vorgehensweisen ist deshalb bei chronischen Erkrankungen die Anwendung der Theorie dynamischer Systeme. Darunter verstehen wir - wie gesagt - eine Synopsis der Theorien und Denkmodelle von (Bio-)Kybernetik, Chaostheorie, Synergetik, nicht-lineare Thermodynamik, (Bio-)Semiotik usw. Die Theorie dynamischer Systeme wird aktuell in Natur- und Geisteswissenschaften zum ergebnisorientierten Umgang mit offenen, komplexen, sich selbst organisierenden Systemen eingesetzt. Wir wenden sie hier auf die Medizin an.

Systembeschreibung

Aus der Perspektive der Theorie dynamischer Systeme besteht der Mensch aus vielen miteinander vernetzten Teilsystemen (Abb. 1). Wesentliche Teilsysteme sind ausschließlich mit der Aufnahme, der Aufbereitung, der Verteilung und der Ausscheidung von Materie und Energie beschäftigt: „Geordnete" Materie und Energie wird in Form von Sauerstoff, Nahrung und Licht über die Lungen, den Magen-Darm-Trakt und die Haut aufgenommen. Das Herz-Kreislauf-System verteilt Materie und Energie im ganzen System. „Ungeordnete" Materie und Energie werden über den Darm, die Nieren und die Blase sowie über die Haut ausgeschieden. 

Das System Mensch, seine wichtigsten Komponenten und Einflussfaktoren
Abbildung 1: Das biologische System „Mensch"

Selbstorganisation

Dieser ständige Durchfluss von Materie und Energie ist eine grundlegende Eigenschaft und Voraussetzung für die Entstehung von Ordnung in komplexen und eigentlich chaotischen Systemen. Die Ordnung manifestiert sich als rhythmisches und damit dynamisches Gleichgewicht des Materie- und Energieflusses. Das System ist umso geordneter, je weiter das dynamische Fließgleichgewicht von einem statischen Gleichgewichtszustand entfernt ist. Statische Gleichgewichtszustände mit gleichmäßiger Verteilung der Energie stellen sich entsprechend den Regeln der linearen Thermodynamik in geschlossenen Systemen ein. Diesen Systemen wird von außen weder Materie noch Energie zugeführt. Offene Systeme dagegen ordnen sich bei einer bestimmten Zufuhr von Materie und Energie selbst. Ein dynamisches Fließgleichgewicht stellt sich ein. In der Theorie dynamischer Systeme wird dieser Vorgang als Selbstorganisation eines Systems bezeichnet: Aus Chaos entsteht Ordnung. Zu den Systemen, bei denen nach den Regeln der nicht-linearen Thermodynamik bei Zufuhr einer bestimmten Qualität und Quantität von Materie und Energie Ordnung durch Selbstorganisation entsteht, gehören auch biologische Systeme. Anders ausgedrückt: Die Differenz zwischen dem Ordnungsgrad aufgenommener und ausgeschiedener Materie und Energie wird zum Aufbau von Ordnung im biologischen System benutzt.

Regulationssysteme

Die Ordnung im System in Form des dynamischen und rhythmischen Fließgleichgewichts wird durch Selbstregulation aufrechterhalten. Dazu dienen spezialisierte Teilsysteme: die so genannten Regulationssysteme. Sie regulieren die Irritationen, die durch innere Wechselwirkungen der Teilsysteme untereinander und durch äußere Wechselwirkungen mit bei- und übergeordneten Systemen entstehen. Die grundlegenden und phylogenetisch ältesten Regulationsprozesse finden im interstitiellen und versorgenden Bindegewebe statt (siehe Absatz 1). Weitere wichtige Regulationssysteme sind das spezifische Immunsystem, das sensomotorische System, der emotionale Anteil der Psyche, das vegetative Nervensystem und das Hormonsystem. 

Definition "Krankheit"

Form und Funktion des biologischen Systems Mensch sind abhängig von seiner Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstregulation: Wenn das System seine Funktionen der Selbstorganisation und Selbstregulation erfüllt, bleibt die Ordnung im System erhalten. Sind die Selbstorganisation und Selbstregulation dagegen gestört oder überlastet, entsteht Unordnung im System. Wir definieren also aus der Sicht der Theorie dynamischer Systeme den Begriff Krankheit als vorübergehende (akute) oder dauerhafte (chronische) Unordnung im System.

Systemische Ätiologie und Pathogenese

Aus der gleichen Perspektive beschreibt die „Systemische Ätiologie", wodurch Unordnung im System entsteht. Die „Systemische Pathogenese" erklärt, wie Unordnung entsteht und aufrecht erhalten bleibt. In der Terminologie der Theorie dynamischer Systeme sind die inneren Wechselwirkungen der Teilsysteme untereinander und die äußeren Wechselwirkungen mit bei- und übergeordneten Systemen Irritationen des dynamischen und rhythmischen Fließgleichgewichts und damit Störungen der Ordnung im System „Mensch". Wir teilen diese Irritationen bzw. Störungen in drei Kategorien ein: strukturelle, prozessuale und informative Irritationen.

Strukturelle Irritationen sind mechanische Störungen, bei denen Kräfte einwirken und ausreguliert werden müssen: zum Beispiel Verletzungen, Fehlbelastungen (sowohl im Sinne von Überbelastungen als auch von Unterforderungen), morphologisch-degenerative Veränderungen.

Prozessuale Irritationen stören biochemische und physiologische Abläufe: zum Beispiel Belastungen durch chemische Stoffe aus der Umwelt (Toxine, Allergene), biologische Belastungen durch Bakterien, Viren oder Pilze, Ernährungsfehler, Stoffwechsel-dysfunktionen, genetische Störungen. Die so gestörten biochemischen und physiologischen Abläufe wirken dann ihrerseits als prozessuale Irritationen auf andere Abläufe, mit denen sie gekoppelt sind.

Informative Irritationen entstehen bei psychoemotionalen und psychomentalen Vorgängen wie Erleben (Wahrnehmen und Fühlen), Denken, Erinnern und Phantasieren. Heutzutage gehören auch Irritationen durch technisch-physikalische Felder in die Kategorie der informativen Irritationen.

Aus Gründen der Praktikabilität verwenden wir in der täglichen Praxis die Einteilung von Irritationen nach van Assche in vier Kategorien:

  • mechanische Irritationen 
  • (bio-)chemische Irritationen
  • psychische Irritationen
  • physikalische/physiologische Irritationen

Die Begriffe „Irritationen", „Belastungen" und „Störfaktoren" bzw. „Störfelder" verwenden wir synonym. In Abbildung 2 sind einige Irritationen der vier Kategorien aufgelistet. Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Die möglichen Wechselwirkungen innerhalb und außerhalb des biologischen Systems „Mensch" sind unzählig.

Psychische, mechanische, (bio)chemische und physiolgisch/physikalische Störfaktoren
Abbildung 2: Vier Kategorien von äußeren und inneren Irritationen des biologischen Systems „Mensch"


Regulation und Regeneration

Die störenden Wirkungen dieser Irritationen werden von den Regulationssystemen durch negative Rückkopplungsprozesse gedämpft bzw. ausreguliert: Die Ordnung wird wieder hergestellt. Deshalb können wir die Regulationssysteme auch als Regenerationssysteme bezeichnen. Regulations- und Regenerationsvorgänge finden in jeder Sekunde unseres Lebens millionenfach statt, ohne dass sie uns bewusst werden. Manche Irritationen wirken jedoch so stark, dass die Symptome einer akuten Erkrankung auftreten.

Wir fassen zusammen: Befunde und Symptome sind Ausdruck der Art und Weise, wie sich aktuell das biologischen System „Mensch" unter den gegebenen inneren und äußeren Rahmenbedingungen organisiert.

Praktische Konsequenzen

Symptome sind also nicht die „Feinde, die bekämpft werden müssen". Sie sind lediglich „Alarmlämpchen": Sie leuchten auf und zeigen uns an, dass das System sich aktuell und unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht anders organisieren kann als mit Symptomen. Die praktische Konsequenz: Wir müssen die inneren und äußeren Rahmenbedingungen herausfinden und ändern - also die vorliegenden mechanischen, (bio-)chemischen, psychischen und physiologisch/physikalischen Störfaktoren (Irritationen, Belastungen). Die Diagnostik von Störfaktoren machen wir anamnestisch, labormedizinisch und mit den so genannten bioinformativen (bioenergetischen) Testverfahren, zum Beispiel: Muskeltest, Armlängenreflextest, Pulsreflex, Hautleitwertmessungen. Für alle diese Testverfahren ist z. B. das SkaSys-Testsystem ein wertvolles Hilfsmittel: Es simuliert Störfeldbelastungen (Testfragestellungen) auf allen vier Ebenen. Mit insgesamt über 14.300 Testelementen kann es als das vollständigste Testelemente-System gelten. Die Vielseitigkeit des Programms erlaubt dabei individuelle Vorgehensweisen und Testprozesse, u. a. auch zur Lokalisation von Belastungen. 

Nur wenn die belastenden Faktoren des Patienten herausgefunden werden, können sie im nächsten Schritt eliminiert werden. Dadurch ändern sich die inneren und äußeren Rahmenbedingungen des Systems. Es wird sich neu organisieren - wahrscheinlich ohne die Ausprägung von Symptomen. Weitere therapeutische Maßnahmen können das System darin unterstützen und die reguläre Form und Funktion des Systems wieder herstellen.

Die Störfelddiagnostik mit dem SkaSys-Testsystem ist eine Basis für die erfolgreiche praktische Umsetzung der systemischen Theorie der Medizin.


In diesem Artikel habe ich weitgehend auf die wissenschaftlich korrekte Zitierung von Quellen verzichtet: Viele meiner Überlegungen und Aussagen lassen sich nicht mehr zu einer bestimmten Quelle zurückverfolgen. Die systemische Theorie der Medizin entstand aufgrund eigener Erfahrungen im Umgang mit chronisch kranken Menschen und durch die Beschäftigung mit den unten angegebenen Experten bzw. ihren Veröffentlichungen.

  • Capra F. Lebensnetz. Ein neues Verständnis der lebendigen Welt. München: Scherz 1996
  • Vester F. Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2000
  • Laszlo E. Holos. Die Welt der neuen Wissenschaften. Petersberg: Verlag Via Nova 2002
  • Laszlo E. Systemtheorie als Weltanschauung. Eine ganzheitliche Vision für unsere Zeit. München: Eugen Diederichs Verlag 1998
  • Greschik S. Das Chaos und seine Ordnung. Einführung in komplexe Systeme. 3. Auflage, München: Deutscher Taschenbuchverlag 2001
  • Haken H: Die Selbstorganisation komplexer Systeme - Ergebnisse aus der Werkstatt der Chaostheorie. Wiener Vorlesungen, Wien: Picus 2004
  • Jantsch E. Die Selbstorganisation des Universums. München: Carl Hanser 2002
  • Prigogine I, Stengers I: Dialog mit der Natur. Neue Wege wissenschaftlichen Denkens. 6. Auflage, München: Piper 1996
  • Randoll UG, Henning FF. Matrix-Rhythmus-Therapie für Zeitstrukturen und Prozesse. Seminarmanuskript 2005
  • Malik F. Strategie des Managements komplexer Systeme. Ein Beitrag zur Management-Kybernetik evolutionärer Systeme. 8., unveränderte Auflage, Bern: Haupt 2003
  • Wühr E. Chinesische Syndromdiagnostik. Der schnelle und sichere Weg zur Formulierung einer Chinesischen Diagnose in sieben Entscheidungsschritten. 2. Auflage, Kötzting: Verlag für Ganzheitliche Medizin 2002